Detail

Foto erstellt mit KI: (Akarat Phasura / Adobe Stock)

Thermal Justice: Leitfaden für eine gerechte Städteplanung

/ ETH Zurich, Departement Bau, Umwelt und Geomatik, Redaktion


Nach einer aussergewöhnlich frühen Hitzewelle im Mai verzeichnete Westeuropa den heissesten Juni seit Beginn der Aufzeichnungen. Schutzmassnahmen dulden keinen Aufschub. Doch nicht alle Menschen leben in kühlen, schattigen Wohnungen oder können sich ihre Arbeit flexibel einteilen. Ein neuer wissenschaftlicher Ansatz zur «Hitzegerechtigkeit» (Thermal Justice) zeigt nun, wie Städte Hitzerisiken senken können, ohne die Problematik auf andere Menschen, Orte und zukünftige Generationen abzuwälzen.

Wenn das Thermometer steigt, soll man viel Wasser trinken, anstrengende Aktivitäten während der heissesten Tageszeit meiden, die Wohnung kühl halten und nach älteren und isoliert lebenden Menschen sehen. So lauten auch die neuesten Hitze- und Gesundheitsempfehlungen des WHO-Regionalbüros für Europa. Zudem helfen bei hohen Temperaturen rechtzeitige Warnungen seitens der Behörden, öffentlich zugängliche Orte zum Abkühlen und Schutzkonzepte für Menschen, die im Freien oder in überhitzten Innenräumen arbeiten. Alles Massnahmen, die Leben retten. Gleichzeitig machen sie eine grundlegende soziale Ungerechtigkeit deutlich: Nicht jeder Mensch kann sich die Arbeit eigenständig einteilen, eine Klimaanlage leisten, im Schatten aufhalten oder in einer Wohnung leben, die nachts ausreichend abkühlt.

In einem wissenschaftlichen Kommentar im Fachjournal Nature Climate Change greifen Forschende der ETH Zürich, des Wasserforschungsinstituts Eawag und internationaler Partnerinstitutionen genau diese Problematik auf. Mit der Prägung des Begriffs «Thermal Justice» übertragen sie das Konzept der Umweltgerechtigkeit auf das Thema Hitze. «Es zählt nicht nur, ob eine Massnahme die Temperatur senkt, sondern auch, ob Menschen während einer Hitzewelle tatsächlich schlafen, arbeiten, sich bewegen, sich um andere kümmern und gesund bleiben können», sagt Hauptautor Dr. Lucas Gobatti. Das neue Konzept betrachtet Hitzegerechtigkeit unter fünf Aspekten: gerechte Verteilung von Hitzebelastungen und Abkühlungsmöglichkeiten, Anerkennung strukturell bedingter Gefährdungen, Teilhabe an Entscheidungsprozessen, die Möglichkeiten von Einzelpersonen und Gemeinschaften, ungefährdet zu leben und zu arbeiten, sowie der Schutz von Ökosystemen und zukünftigen Generationen. 

Des einen Kühlung ist des anderen Leid

Die Forschenden lenken den Blick zudem auf das Phänomen der Verlagerung der Hitzelasten: Die Abkühlung einer Person oder eines Ortes erhöht oft an anderer Stelle die hitzebedingten Risiken. So sorgen Klimaanlagen zwar für kühlere Luft in Innenräumen, blasen aber ihre Abwärme nach draussen, lassen den Stromverbrauch steigen und sind ohnehin jenen vorbehalten, die sie sich leisten können. Selbst die Begrünung von Städten hat eine Kehrseite: Sie spendet zwar wertvollen Schatten, treibt jedoch in den begünstigten Vierteln die Mietpreise in die Höhe und verdrängt einkommensschwächere Bewohner in heissere, weniger grüne Stadtteile. Kühlsysteme, die auf intensive Bewässerung, anfällige Stromnetze und aufwendige Wartung angewiesen sind, mögen zwar ein unmittelbares Problem lösen, doch das dicke Ende kommt noch. Die Ungerechtigkeit entsteht, wenn schwächere Gemeinschaften, Ökosysteme oder kommende Generationen unausweichlich die Konsequenzen solcher Verlagerungen ausbaden müssen.

Langfristig umdenken und anpassen

Eine hitzegerechte Stadtplanung muss daher Notfallpläne mit tiefgreifenden strukturellen Veränderungen verbinden. Während einer Hitzewelle sollten Städte sich primär um gefährdete und isolierte Bewohner kümmern, barrierefrei zugängliche Abkühlräume anbieten, Arbeitnehmer schützen, schattige Wege zu wichtigen Einrichtungen anlegen sowie für erschwingliche Kühlanlagen für Innenräume sorgen. In kühleren Zwischenphasen sollten sie schlecht isolierte Gebäude energetisch sanieren, eine nachhaltige grüne und blaue Infrastruktur – wie Parks und Gewässer – ausbauen, die Bepflanzung an die verfügbaren Wasserressourcen anpassen und verhindern, dass Menschen durch grüne Aufwertungen aus ihren Stadtvierteln verdrängt statt geschützt werden.

Der Erfolg von Klimaanpassungen sollte am Ende nicht nur daran gemessen werden, wie viele Hitzewarnungen ausgegeben, Abkühlorte geschaffen oder Bäume gepflanzt wurden, sondern ob Menschen und Ökosysteme ungefährdet weiterleben können, ohne dass Hitzerisiken einfach nur verschoben werden.

Titelbild: Foto erstellt mit KI: (Akarat Phasura / Adobe Stock)

Originalpublikation

Gobatti, L.; Bach, P. M.; Mazzone, A.; Falchetta, G.; Santamouris, M.; Maurer, M.; Leitão, J. P. (2026) Thermal justice in urban climate change adaptation, Nature Climate Change, 16, 1002-1004, doi:10.1038/s41558-026-02727-5, Institutional Repository

Finanzierung

L.G., P.M.B. and J.P.L. were supported by the Swiss National Science Foundation ‘Heat-Down’ project (grant number 200021_201029). G.F. was supported by the Interreg Euro-MED Programme 2021-2027, under the project Holistic EnvironmenTAl and Social Adaptation Framework for Extreme heat (HEATSAFE), ProjectID Euro-MED0401264.